Einführung



Zur Ausstellung „SPUREN“ :   Spuren sind


Abgestorbenes                         

Natursignaturen

Nutzungsmarken                                             

Lebenszeichen

Gebrauchsfolgen                                              

Bildschnipsel

Gravuren durch Alterungsprozesse                     

Fußstapfen

Weggeworfenes                                               

Gedankenschatten

Veränderungsmerkmale                                     

Fundstücke

Bearbeitungshinweise                                        

Vererbtes

Hinterlassenschaften                                         

Aufgehobenes

Gedächtnisbrocken                                           

Dokumentiertes

Elementarteilchen                                             

Archiviertes

Gestaltungsergebnisse                                      

Gesammeltes

Kreativitätsmarken                                            

Vergammeltes

Sichtfenster eines Individuums                           

Fragmentiertes

Ausschnitte von Zeitabläufen                              

Heilungsmale

Verletzungen 

kleine Menge

Abdrücke

Überreste

Eindrücke                                                  

Wahrnehmungsstaub

                   


"Geh nicht nur glatte Straßen, geh Wege, die noch niemand ging, damit Du Spuren hinter-lässt, und nicht nur Staub!"

Antoine de Saint-Exupery



Aus meiner Einführung zur Ausstellung „SPUREN“ im Gezeitenhaus GANDERKESEE:

 

SPUREN  verändern sich täglich. Viele der Fotoaufnahmen können schon nach kurzer Zeit nicht mehr bzw. nicht mehr so gemacht werden. Die Motive verhalten sich wie eine Küstenlandschaft unter dem Einfluss der Tide. Sie sind im übertragenen Sinne den „Gezeiten“ unterworfene Momentaufnahmen. 
Die Ausstellung zeigt einige wenige Aufnahmen aus der unendlichen Fülle von Spurbeispielen aus dieser Welt. 
Das, was im ausgestellten Bild abstrakt erscheint, ist in Wirklichkeit sehr konkret. Die Ästhetik des Bildausschnittes ist Ergebnis von Wahrnehmung. Wahrnehmung kann sehr subjektiv sein. Der wahrgenommene Gegenstand oder die wahrgenommene Szene sind jedoch in Wirklichkeit immer objektiv, da objektiv vorhanden und im Vorhandensein nicht „vergestaltet“. Es sind Fundstücke einer „fotografischen Archäologie“, die jeder Betrachter für sich interpretieren kann und soll. Und so wird der Gegenstand der Betrachtung wieder „subjektiv“. Dieser Prozess des „Standpunktwechsels“ ist in dieser Ausstellung erlebbar. So wird das „objektiv Konkrete“ durch die Betrachtung zu „Kunst“. 
Solche „Kunst“ – im Gezeitenhaus Ganderkesee ausgestellt - erfährt ihren Bezug auch zu den überall gegenwärtigen Spuren im Ortsbild. Der Ausstellungsort bekommt so zu seiner spannenden Geschichte eine zusätzliche Dimension.
Die Ausstellung provoziert ihre Betrachter zu eigener Spurensuche. 

  

Horst Niebuhr, Hochschule 21, Buxtehude:

So sammelt er also, was die Surrealisten „objets trouvés“ nannten, zwar zufällige, im Sinne des Surrealismus jedoch von objektivem Zufall bestimmte Funde. Zweifellos sind auch diese zugleich „objets ambigus“, also „mehrdeutige Objekte“, wie man bei ihrer Betrachtung auch sofort vermutet, und sie lösen Erregungen und Schwingungen aus, die uns zu einer Art Glück führen, ohne dass wir wissen, woran dieses Glück liegt. Und dies wiederum nenne ich im Sinne Le Corbusiers eine "réaction poétique", eine poetische Reaktion...  Ich kann von diesem Katheder aus mithin nur davor warnen, zu neugierig sämtliche Details des Zustandekommens dieser "objets trouvés" erfahren zu wollen, weil Sie sich dann unnötig eines Teils des Zaubers berauben, der dem Geheimnis innewohnt... ... den Fotos Dieter Simons fehlt die Belehrungsabsicht über Vergänglichkeit und Vergeblichkeit ganz und gar. Es geht ihm um etwas anderes, nämlich um eine Interruption im Vorgang des allmählichen Verschwindens, ein Aufhalten quasi der Entropie, des Umwandlungsprozesses, – um das Gleiche also, wie es bei der Petrifikation eingetreten ist, den Versteinerungsprozessen der Kreidezeit. Eigentlich ist ein solches Aufhalten und Innehalten das Ergebnis allen Fotografierens, doch genau im Hinblick darauf ist unter den Fotografen die Spreu vom Weizen zu scheiden...   

 

Uli v. Bock, Itzehoe:

Für mich stellt sich die Frage, warum sind so viele zeitgenössische Künstler von Pinsel und Öl zu anderen Techniken übergegangen? Ich glaube, Dieter Simon gibt die Antwort. Es geht bei der Suche nach dem Entstehungsprozess um ein neues Thema in der Kunst:  Die Sprache des Materials, die Bilderwelt als Experimentierfeld, als individuelle ästhetische Erfahrung...Wenn er mit seinem Medium der Kamera arbeitet, versinkt er in kreative Faszination...Dieter Simon gelingt es, ohne Verfremdungseffekte Konkretes und Abstraktes zu verbinden...So entstehen Bilder, die einen optischen Erlebnisraum beschreiben, Materialität und Transparenz besitzen und in ihrer Ausstrahlung kraftvolle Eleganz widerspiegeln. Technisch gesehen macht D.S. mit seinen Arbeiten die Gestaltungsgrenzen von Malerei und Fotografie füreinander durchlässig...  


Prof. Dr. Bernd Kritzmann, Kreuzkirche Stellingen:

 

Für ihn ist der Fotoapparat ein kreatives Werkzeug – wie für einen Maler der Pinsel oder für den Bildhauer Hammer und Meißel, aber Werkzeuge erzeugen keine Bilder, Skulpturen oder Fotografien ... Er führt den Betrachter zu einer anderen Art des Sehens und Entdeckens. Eine einfache, verrostete Schiffswand oder eine Sandstruktur wird in dem fotografierten Ausschnitt zu einer Landschaft oder zu einer Haut. Plötzlich entdeckt man etwas Neues, etwas ganz anderes ... Die Bilder sind nicht einfach fotografiert, sondern genau fokussiert und komponiert ... Die Bilder erzeugen eine Erweiterung des Sehens, eine fortschreitende Entwicklung der Sensibilität und tragen damit zur Vertiefung menschlichen Erlebens bei. Sie erzeugen immer wieder neue Wahrnehmungen und Entdeckungen bei jeder Betrachtung, man kann auch sagen, der Beobachter wird förmlich gefangen und in die Bilder gezogen. Manche Fotos geben auch nicht den Ursprung preis, sie erzeugen eine Stadtsilhouette im Nebel oder eine Berglandschaft, während sie in Wirklichkeit ein ölverschmierter Stahlpfeiler oder Farbreste auf einer Holzfläche sind ... Die Bilder von ihm erlauben und fordern eine subjektive Wahrnehmung, eine Gesamtheit der Sinneseindrücke, die in verborgene Tiefen des eigenen Bewusstseins , sie sind Fotos für Entdecker und Menschen, die mehr sehen wollen... 

 

Ernst Brennecke, Rathaus Hamburg:

"Augenblicke eingefroren,
nicht verschwunden, nicht verloren,
die Motive nicht gestellt,
so gefunden in der Welt !"                                                                                  

Mit diesen vier Zeilen endet ein längeres Gedicht, das Eva Simon über die Kunst ihres Mannes Dieter geschrieben hat, und die wir hier gerade an den Wänden bewundern, bestaunen und zu enträtseln versuchen.
In der Tat ist es äußerst ungewöhnlich, was wir hier zu sehen bekommen, und dem einen wie dem anderen wird es auch gar nicht auf den ersten Blick wie Kunst vorkommen. Denn fast alles, was wir hier sehen, ist nicht durch Menschenhand entstanden (wenn man von den Fotos einmal absieht), sondern durch Fremdeinwirkung. Das meiste ist Rost. Kann Rost Kunst sein?
Ich möchte die Antwort vorwegnehmen. Rost ist keine Kunst, ebenso wenig wie Farbe Kunst ist. Aber natürlich das, was man damit macht.  
... Er sieht nicht den Rost, sondern er sieht die Formen und Farben und Flächen, die sich im Laufe der Jahre durch welche Einflüsse auch immer gebildet haben. Die Natur und die Zeit haben hier vorgearbeitet. Dieter Simon hat die Gebilde entdeckt. Er bestimmt, was zu einem Bild gehört und was nicht. Er sucht nicht, er findet. "Die Bilder springen mich an" hat er dazu gesagt.
... Dieter Simon nennt seine Bilder "Konstrakte". Darin sind die Begriffe konkret und abstrakt enthalten, so wie es eine konkrete und eine abstrakte Kunst gibt. Mir scheint aber, dass auch der Begriff konstruiert darin vorkommt. Denn ohne eine regelrechte Konstruktion gibt es weder Malerei noch Architektur.
... Architektur und Fotografie haben eine große Gemeinsamkeit: Das Sehen. Nur wer sehen will, wird etwas erkennen. Mit der Ausstellung "Spuren", die ebenso "Spurensuche" heißen könnte, lädt uns Dieter Simon ein, seinen Entdeckungen zu folgen. Er nimmt uns auf eine Reise in eine von vielen unerkannte und nicht beachtete Formenwelt mit. Er hat mit seiner Kunst einen eigenen Mikrokosmos erschaffen, die im Grunde nichts anderes ist, aber was heißt schon nichts, als die Fortsetzung der Architektur mit anderen Mitteln. Denn im Mittelpunkt steht immer der Mensch.
Lassen Sie mich mit zwei weiteren Zeilen aus dem Gedicht von Eva Simon schließen:               

"Hingetupft wie Tuschezeichen,
fassbar nicht, kaum zu erreichen"